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20 Jahre hr-Studio Mittelhessen - Pioniere am Mikrofon
20.06.2007 GIESSEN. Das hr-Studio Mittelhessen feiert dieses Jahr seinen 20. Geburtstag. Auf einer Baustelle in Wetzlar fing alles an, heute arbeiten die hr-Reporter in Gießen sogar bimedial und immer noch mit besonderem Blick auf die Region.
Klaus Pradella ist ein hessisches Radio-Urgestein und ein ausgewiesener Spezialist für fundierte Hörfunkbeiträge aus Gießen. Doch immer öfter schneidet er heute Fernsehbilder. Wie sein Job hat sich auch sein Arbeitsplatz – das hr Studio Mittelhessen stark gewandelt. Heute arbeitet er bimedial, greift neben dem Audio-Aufnahmegerät immer öfter zur DV-Kamera. „Für mich war das unproblematisch. Ich habe das schon früher hobbymäßig gemacht“, so Pradella. Allein, es bedürfe mehr Zeit, wenn jetzt auch noch Bilder gedreht werden. Pradella ist einer von jenen Radioreportern, die vor 20 Jahren mit dem damals neu eingerichteten hr-Studio Mittelhessen ihre Karriere begannen. In Wetzlar betrat der Hessische Rundfunk Neuland, besser gesagt eine Baustelle. In einem Fachwerkhaus arbeiteten die hr-Leute anfangs noch mitten unter Handwerkern. „Es war toll, bei null anzufangen. Alle waren unglaublich motiviert“, so Jörg Riemenschneider, der damalige Studioleiter und heutige NDR-Chefreporter Hörfunk in Berlin. Mittelhessen war lange Zeit ein weißer Fleck in Sachen Rundfunk geblieben. Es musste schon Dramatisches passieren, bis ein Radiomann dorthin fuhr.
Selbst das Team des hr-Studios zusammenzustellen, war ein Pionierstück. Die Vorstellungsgespräche liefen wegen der Bauarbeiten nicht im Studio, sondern im „Café am Dom“ ab. Nur drei der zehn Studiomitarbeiter waren Radioleute. Der Rest hatte nur Erfahrungen im Printjournalismus gesammelt. Das änderte sich schlagartig: „Wir haben Probesendungen gemacht und als wir dann richtig auf Sendung gingen, haben sie es gar nicht mehr gemerkt“, so Riemenschneiders damaliger Stellvertreter Udo Seiwert-Fauti. Heute ist er freischaffender ARD und BBC-Schottland-Korrespondent.
„Radio Lahn“ für die Region
Der erste O-Ton aus Wetzlar stammte übrigens von einem neugeborenen Baby, dessen erster Schrei die Sendung von „Radio Lahn“ eröffnete. Zu jener Zeit arbeitete der Sender noch mit Bandmaschinen, die Beiträge wurden per Hand geschnitten und geklebt. „Die Techniker haben während mancher Live-Sendung gelötet“, berichtet Jörg Riemenschneider. Doch diese Aufbruchszeit hatte auch ihre erste Herausforderung im Juli 1987: Das Tanklasterunglück von Herborn, bei dem sechs Menschen starben und viele verletzt wurden. „Das war unsere Bewährungsprobe“, erinnert sich der ehemalige Studioleiter.
Eine völlig neue Art der Berichterstattung entstand. „Die Region hat sehr gut mitgemacht“, findet Jörg Riemenschneider. Die Hörer seien froh gewesen, dass der hr diesen Teil Hessens in den Mittelpunkt gerückt habe. Für die Radiomacher galt der Name „Radio Lahn“ als Auftrag, ist der Fluss doch das verbindende Glied der Region. Legendär war die „Radio Lahn Tour“, bei der Klaus Pradella und der Moderator Gerd Kuhn ins Kanu stiegen und die Region vom Fluss aus bereisten. Vielen Hörern sind noch Sendungen wie „Ferien wie anno dazumal“ in Erinnerung. Die hr-Reporter mischten die Regionalberichterstattung auf. Manchen Politiker hätten sie ganz schön „gezwiebelt“ und dennoch später mit ihnen Kaffee getrunken, bemerkt Udo Seiwert-Fauti. Daran erinnert sich auch der ehemalige Landrat des Lahn-Dill-Kreises (1985-1995) und einstige Hessische Innenminister Gerhard Bökel. „Es hat Spaß gemacht“, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete und spricht von einem „guten, nicht kumpelhaften, professionellen Miteinander.“
Vor sechs Jahren zog das komplette hr-Studio Mittelhessen unter der Leitung von Knut Kuckel von Wetzlar nach Gießen – Grund war die digitale Technik, die in dem alten Fachwerkhaus in Wetzlar einfach nicht zu verwirklichen gewesen wäre. Kilometerweise Kabel liegen im neuen Domizil, damit die digitale Radio- und TV-Produktion reibungslos abläuft. Denn die hr-Reporter können seit zwei Jahren „bimedial“, das heißt auch als Video-Reporter arbeiten. „Die Digitalisierung ist für uns eine große Arbeitserleichterung. Damit können wir schneller arbeiten und auch bimedial tätig werden“, erläutert Marina Gust. Sie ist seit drei Jahren Studioleiterin. Inzwischen produzieren in Gießen zwölf Journalisten aus der Region, insgesamt hat das Studio 20 Mitarbeiter. Berichte der Videojournalisten bestücken hr-Sendungen wie „Hessenschau“ oder „Maintower“. Dreimal am Tag produziert das Hörfunkstudio eine eigene, regionale Sendung auf hr4.
„Die Nähe zu den Menschen macht das Studio aus. Das ist das große Pfund mit dem wir wuchern können“, erklärt Marina Gust. Ihr ist es besonders wichtig, dass das hr-Studio die Menschen im Sendegebiet repräsentiert. „Die Hörer sollen nicht das Gefühl haben, die da in Frankfurt reden über uns“, so Gust. Um so besser, dass Reporter und ihre Familien hier in der Region leben.
Das Studio in Gießen ist immer wieder Ziel von Besuchergruppen. Die Führungen machen die Redakteure selbst, zum Beispiel Susanne Blöcher. Sie kommt aus Bad Nauheim und arbeitet seit drei Jahren im Studio. Wer hier arbeite habe ein größeres Aufgabenspektrum als spezialisierte Mitarbeiter in der hr-Zentrale, so Blöcher. Und weiter: „Hier beschäftigen wir uns mit allen Themen, also alles was die Region Mittelhessen betrifft.“ Gerade durch die Führungen kommen die Redakteure in engen Kontakt zu ihren Hörern, erfahren ungefiltert Anregungen und Kritik. „Wir wollen, dass die Hörer Fragen stellen. Wir nehmen uns sehr viel Zeit. Das ist uns sehr wichtig“, erklärt die junge Redakteurin.
Michael Schmidt+++
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